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Hirzler Praxisgeschichte

Text von Katharina Morello

Die Geschichte der medizinischen Grundversorgung auf dem Hirzel beginnt im Wesentlichen mit Dr. Johann Jakob Heusser (1783-1859), dem Vater der Heidi-Schriftstellerin Johanna Spyri. Heusser engagierte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Landarzt im Dorf und führte im Waschhäuschen neben seinem Wohnhaus chirurgische Eingriffe aller Art durch, damals noch weitgehend ohne Narkose. Auch machte er sich als früher Psychiater einen Namen. Seine Patienten und Patientinnen blieben dann oft für einige Wochen zur Kur im «Doktorhaus». Wie selbstverständlich half die ganze Familie Heusser bei deren Betreuung mit. Diese Erfahrungen hinterliessen bei der Tochter Johanna starke Eindrücke, die sich mancherorts in ihrem literarischen Werk widerspiegeln.
 
Nach Heussers Tod 1859 gab es für den langen Zeitraum von rund 123 Jahren offiziell keinen sesshaften, praktizierenden Dorfarzt mehr im Hirzel. In den 1940er Jahren zog jedoch Dr. Emil Roth nach seiner Pensionierung an die Dorfstrasse. Er hatte in Horgen eine gut besuchte Praxis geführt und im örtlichen Spital als Belegarzt operiert. Rasch wurde bekannt, dass nun ein erfahrener Horgner Chirurg im Dorf lebte, und schon bald wurde er bei Notfällen zu Hause aufgesucht. Roth behandelte Platzwunden, renkte Glieder ein, schnitt Abszesse auf und führte unter abenteuerlichen hygienischen Bedingungen kleinere chirurgische Eingriffe direkt auf seinem hölzernen Küchentisch durch. Diese inoffizielle «Küchentisch-Praxis» florierte von etwa 1945 bis weit in die 1950er Jahre hinein. Erst als mit zunehmendem Alter seine Sehschärfe nachliess, stellte Roth diese Tätigkeit allmählich ein. Ganz endete diese Epoche wohl erst mit seinem Tod in den 1960er Jahren.
 
Somit war der Hirzel wieder komplett arztlos, bis Dr. Ruedi Baumann im Februar 1982 seine Hausarztpraxis am Chalbisauweg eröffnete. Ruedi Baumann hatte sich immer gewünscht, einmal auf dem Hirzel tätig zu sein. Seit er als Jugendlicher regelmässig auf einem Hirzler Bauernhof mithalf und auch zusammen mit seinem Vater oft in der Gegend auf der Jagd war, hatte er Dorf, Leute und Landschaft ins Herz geschlossen. Ältere Kollegen aus Horgen warnten zwar den jungen Arzt: Auf dem Hirzel gebe es zu wenig Arbeit, damit könne man keine Familie ernähren. Sie hatten sich geirrt. Nach kurzer Zeit gab die neue Praxis auf dem Berg so viel zu tun, dass der «Ruedi-Tokter» begann, Assistenzärzte einzustellen und auszubilden, um sich ein wenig Luft zu verschaffen. Auch half seine Frau Lus Baumann viel in der Administration mit. Wichtig war ausserdem stets die Ausbildung von Medizinischen Praxisassistentinnen (MPAs).
 
Als einer dieser Assistenzärzte arbeitete eine Zeit lang Dr. Christian Morello auf dem Hirzel mit, der als Cevi-Leiter selbst im Dorf verwurzelt war. Nach Abschluss seiner Spitalzeit und einem Jahr im Einsatz in Simbabwe im südlichen Afrika stieg er bei Ruedi Baumann ein. 2002 gründeten die beiden eine Praxisgemeinschaft.
 
Die Hirzler Ärzte pflegten stets eine gute Zusammenarbeit mit dem Dorfarzt von Schönenberg, Dr. Walter Grubenmann. Man vertrat sich gegenseitig während Ferienabwesenheiten und blieb auch sonst im Austausch. Als sich Ruedi Baumann und Walter Grubenmann dem Pensionsalter näherten, stellte sich die Frage, wie es mit der Grundversorgung der Berggemeinden weitergehen sollte. Hausärzte und -ärztinnen waren zunehmend gesucht und besonders Landarztpraxen hatten es schwer, gute Nachfolge zu finden. Schliesslich kam die Idee auf, die Schönenberger und die Hirzler Praxis zusammenzulegen.
 
Nachdem sich nach einigem Suchen glücklicherweise in der ehemaligen Grosswohnung im Alterszentrum Spyrigarten ein idealer und genügend grosser Standort gefunden hatte, wurde im Jahr 2011 die Bergpraxis AG gegründet, die Hirzler Praxis zügelte vom Chalbisauweg an die Bergstrasse. Im Sommer 2012 stiess Dr. Grubenmann mit seinen Patientinnen und Patienten von Schönenberg dazu und arbeitete noch ein gutes Jahr im Hirzel im Team mit. 2013 gingen die beiden älteren Kollegen in den wohlverdienten Ruhestand.
 
In der Folge leitete Dr. Christian Morello rund zwölf Jahre lang die Geschicke der Bergpraxis. Inzwischen arbeiteten stets etwa vier oder fünf Ärztinnen teilzeitlich im Team mit, ebenso eine Psychologin, mehrere MPAs, sowie Lehrtöchter in Ausbildung. Während der herausfordernden Zeit von Corona richtete Christian Morello im alten und damals leerstehenden Hirzler Gemeindehaus gegenüber der Bergpraxis ein temporäres Ambulatorium für Corona-Tests und Beratung ein. Das zusätzlich benötigte Personal rekrutierte der Dorfarzt in – historisch gesehen – lokal-traditioneller Weise in seiner Familie. Zuerst führten die drei erwachsenen Kinder in ihren Semesterferien Corona-Abstriche durch, später spannte er dafür auch noch seine Frau ein.
 
Ende 2025 durfte Christian Morello die Bergpraxis in die Hände seiner langjährigen und engagierten Kollegin Dr. Sara Bosshard übergeben, die nun die Bergpraxis ganz im Sinne ihrer Gründer und Vorfahren weiterführt. Sara Bosshard und ihre Kolleginnen Dr. Lise Elmer und Dr. Jutta Löffler, beide ebenfalls seit vielen Jahren dabei, Dr. Jovana Jucker, die etwas später dazukam, und seit Kurzem auch Dr. Nora Schützeberg sowie das ganze Team stehen ein für eine ganzheitliche, kostenbewusste und vor allem auch menschliche medizinische Grundversorgung für die Berggemeinden.

Einblick in unsere Praxisräumlichkeiten